Bechstein Peter ConciliusLobbying ist nicht nur intellektuell anspruchsvoll, sondern kann auch richtig Spaß machen. Public-Affairs-Berater Peter Bechstein gab am 7. April in Stuttgart spannende Einblicke in die Welt der politischen Kommunikation und Government Relations.

Sie drehen in irgendwelchen Hinterzimmern am großen Rad der Politik – Peter Bechstein (Foto) von der Concilius AG weiß, was man in Deutschland über die Arbeit von Lobbyisten denkt. Lobby-Arbeit in Deutschland haftet immer noch etwas Geheimnisvolles an. In den USA hingegen ist Lobbying, in Deutschland oft auch „Government Relations“ genannt, nicht nur längst salonfähig, sondern auch ein ganz normales Instrument der unternehmerischen Betriebsführung. „Die Wirklichkeit unserer Arbeit ist viel weniger glamourös und überhaupt nicht skandalisierbar“, sagte der Public-Affairs-Berater bei der gut besuchten DPRG-Veranstaltung „Lobbying war gestern“ im Stuttgarter Hospitalhof.

"Regelung von technischen Detailfragen"

Bei Lobbying gehe es häufig um „Halbsätze in einem Gesetzestext, die Regelung von technischen Detailfragen“. An derlei Details entscheidet sich, ob Unternehmen ein Geschäftsmodell in Deutschland überhaupt umsetzen können. Zum Beispiel sind Zusatzstoffe in Kosmetika stark reguliert. Was darf rein, was darf nicht rein? Ein Geschäftsmodell, das an einem Gesetz scheitert, würde für die Firma einen hohen Verlust bedeuten. Umso wichtiger ist es, unternehmerische Risiken aufgrund regulatorischer Entscheidungen des Gesetzgebers möglichst frühzeitig zu erkennen und Nachteile durch gezielte Lobbyaktivitäten zu verhindern. Wichtig ist darum, die Materie genau zu kennen und sich mit seinem Standpunkt Gehör bei der Politik zu verschaffen. Die PR spielt dabei oft keine unwesentliche Rolle, da Interessenskonflikte verstärkt auch in der Öffentlichkeit ausgetragen werden. So werden die Government-Relations-Aktivitäten – zum Beispiel in Fällen wie Stuttgart 21 – auch durch Public-Relations-Experten ergänzt.

Lobbying-Agenturen arbeiten wie Verbände

Während es in Deutschland für Verbände gesetzlich geregelt ist, vom deutschen Bundestag im Rahmen eines Gesetzgebungsprozesses angehört zu werden, gilt dies für Unternehmen nicht. Um diesen Nachteil auszugleichen, nehmen Firmen die Beratung von Lobbying-Agenturen und -Beratern in Anspruch: Sie tragen alle notwendigen Informationen zusammen, arbeiten eine schlüssige Argumentation aus und tragen das Anliegen persönlich in die Büros der Abgeordneten. Letztendlich machen also Lobbying-Agenturen wie Concilius nichts anderes als ein Verband: Interessensvertretung für einzelne Firmen oder auch für ausländische Unternehmen, die keinem deutschen Verband angehören. Deren Vorteil ist, dass eine Lobbying-Agentur versteht, wie Politik funktioniert, das Know-how und die Erfahrung mitbringt sowie über die nötigen Kontakte und Zugänge verfügt. „Gut gemachtes Lobbying ist Fleiß- und Netzwerkarbeit“, bringt es Bechstein auf den Punkt, der mit seiner Agentur sehr wohl auswählt, wessen Interessen er vertritt. Denn nur wer selbst überzeugt ist, kann überzeugen.

Dubiose Machenschaften in Hinterzimmern der Politik sind bei Lobby-Arbeit, die zum ganz normalen politischen Alltag gehört, nicht notwendig. Seriöse Agenturen haben einen strengen Kodex und Compliance-Reglements, die bestimmen, welche Mandate die Agentur annimmt, wie agiert wird und dass Prinzipien wie Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen, Transparenz und Legalität oberste Priorität haben. Die 631 Abgeordneten des Deutschen Bundestags tauschen sich zudem gern mit Lobbyisten aus. Immerhin sind sie in ihren Entscheidungen auf fachlichen Input von außen angewiesen, um sich ein ausgewogenes Bild zu machen.

"Es braucht schon auch ein bisschen Jagdinstinkt"

Und wie wird man Lobbying-Experte? Keine Frage: Ein guter Lobbyist ist, wer einen Termin bei einem MdB oder MdL bekommt sowie fundiert und kompetent mit der Politik kommunizieren kann. Vernetzung ist dabei sehr wichtig, eine politische Karriere und ein möglichst parteienübergreifendes Netzwerk Bedingung, um erfolgreich arbeiten zu können. Hilfreich auch, wenn man ehemalige Minister, Staatssekretäre, leitende Beamten der Ministerien und Botschafter im Ruhestand mit ihrer Expertise und ihren Netzwerken zu seinen Kollegen zählt. Bei Bechstein selbst entwickelte sich durch parteipolitisches Engagement und nach seinem Jura- und VWL-Studium rasch das Interesse, an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik tätig zu werden. Heute leitet er das Büro Stuttgart von Concilius und gilt als einer der renommiertesten Public-Affairs-Berater in Baden-Württemberg. Wie die meisten seiner Kollegen hätte auch er sich um ein politisches Mandat bemühen können. „Als MdB haben Sie Ihr Schwerpunktthema und machen Politik dafür. Mich reizt jedoch gerade die große Bandbreite an Themen, wie Sie sie als Lobby-Berater haben“, stellt er fest. Dabei ist es nicht allein der intellektuelle Anspruch, sich immer wieder in komplett neue Themenfelder reinzudenken, der für ihn die Arbeit des Lobbyisten interessant macht: „Es braucht schon auch ein bisschen Jagdinstinkt: Was ist an diesem Thema, diesem Produkt, dieser Innovation politisch relevant? Wie können wir die Politik davon überzeugen? Das immer wieder auf’s Neue herauszuarbeiten, macht sehr viel Spaß.“

 

Bieber Linny Sympra

 

 

 

 

Autorin: Linny Bieber ist seit Juli 2015 Trainee bei der PR-Agentur Sympra GmbH (GPRA) in Stuttgart.