Entfesselter Skandal Buchcover 3Am 17. Oktober fand an der Universität Hohenheim die erste PR-Lecture der DPRG Landesgruppe Baden-Württemberg statt. Hanne Detel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaften der Universität Tübingen, sprach zum Thema „Skandalisierung und Empörung – unausweichliche Mechanismen im digitalen Zeitalter?“ und lud dazu ein, über das eigene Online-Handeln zu reflektieren.

Denn ein handfester Skandal kann im digitalen Zeitalter jeden treffen. Einzelpersonen, Unternehmen oder gar ganze Institutionen können betroffen sein. Mehrere Aspekte des digitalen Zeitalters unterstützen dabei, so Detel, die Mechanismen der Skandalisierung und Empörung:

  • Jeder kann veröffentlichen: Es sind nicht mehr nur Journalisten, die Skandale aufdecken und Skandalprozesse auslösen. In Zeiten von Digitalkamera, Smartphone und Blog kann potenziell jeder skandalisieren oder zum Opfer eines Skandals werden, unabhängig von Status und Bekanntheitsgrad.
  • Verbreitung und Veränderung durch Digitalität: Daten sind im digitalen Zeitalter leicht zu kopieren, speichern, verknüpfen, verändern und zu verbreiten. Sie werden als „Beweise“ herangezogen, auch wenn es sich lediglich um Spekulationen handelt.
  • Ursprüngliche Kontexte werden verschoben: Äußerungen und Handlungen können einfach aus dem Zusammenhang gerissen werden. Es kommt zum „Kollaps der Kontexte“, so Detel, wenn zum Beispiel eine Äußerung ohne ihren ursprünglichen Kontext betrachtet wird.

Das digitale Zeitalter hat eine neue Form der erwünschten, aber auch der unerwünschten Sichtbarkeit hervorgebracht. Alte Skandalschemata, die vor allem klassische Medien als zentrale Katalysatoren beinhalten, werden durch neue ergänzt. Ihr zentrales Merkmal ist der Kontrollverlust, der zum Teil auch über Jahre andauern kann. Detel sprach dabei von einer „Möglichkeitsblindheit“ der Menschen, die nicht einmal ansatzweise erahnen können, was mit ihren E-Mails, Bildern oder sonstigen Daten in der Zukunft möglicherweise passieren kann. Für Einzelpersonen, aber auch für Organisationen können solche Empörungswellen fatal sein – zumal das Netz wenig vergisst. Die ohnehin eingeschränkten Möglichkeiten einen Skandal zu steuern und einzudämmen, werden unter diesen Bedingungen weiter erschwert.

In der anschließenden Diskussion sowie beim Imbiss tauschten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der PR-Lecture mit Hanne Detel unter anderem zu möglichen Konsequenzen digitaler Skandale für Einzelpersonen und Organisationen, zum potenziellen Umgang mit den angeführten Entwicklungen sowie zu negativen, aber auch positiven Folgen eines digitalen Skandals wie zum Beispiel die Aufklärung über institutionelles Fehlverhalten aus.

Wer weiterlesen möchte: Pörksen, Bernhard/Detel, Hanne (2012): Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter. Herbert von Halem Verlag.

Im Rahmen des neuen Veranstaltungsformates „PR-Lecture“ der DPRG-Landesgruppe Baden-Württemberg geben renommierte Experten einen fundierten Einblick in und Überblick über ausgewählte Forschungsschwerpunkte zu Kommunikationsarbeit und -management. Im Austausch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der PR-Lecture wird der Transfer zwischen Praxis und Forschung angestoßen, vertieft und fortentwickelt.

Stehle Helena 2Weinmann Aylin Autorinnen: Dr. Helena Stehle (Foto li.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet für Kommunikationswissenschaft und Journalistik der Universität Hohenheim und im DPRG-Landesvorstand Baden-Württemberg verantwortlich für den Transfer zwischen Forschung und Praxis. Aylin Weinmann (Foto re.) ist Studentin der Kommunikationswissenschaft und studentische Mitarbeiterin am Fachgebiet für Kommunikationswissenschaft und Journalistik der Universität Hohenheim.